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L a s s   D i c h   i n   R u h e  
u  n  d     w  a  c  h  s  e

Einfach zum wegdenken

Kürzlich machte ich mir Gedanken übers Denken. Ich wollte ein paar zufällig ertappte Gedanken beobachten. Jene, die mich den ganzen Tag begleiten und sie analysieren. Das Ergebnis: Denken besteht bei mir aus unfertigen Sätzen, verbunden mit halbherzigen Emotionen, wirren Bildern und unbeholfenen Entschlüsselungsversuchen. Alle paar Sekunden ein neuer Gedanke, ein neues Gefühl. Da geht’s richtig zur Sache im Denklappen. Ich bin ein Mann und wir gelten ja als „einfach gestrickt“. Unvorstellbar, was bei manchen Frauen da abgehen muss. Ich wäre vermutlich längst süchtig nach Baldrian, Pasedan oder Schuhen. Gedanken kontrollieren? Nicht in diesem Leben. Unser Gehirn braucht Arbeit. Und es arbeitet – ununterbrochen. Jeder Mensch denkt permanent. Das Witzige (oder Tragische): 95 % dieser Gedanken sind Wiederholungen. Davon 80 % negativ. Ein bisschen viel Leerlauf für die „Krone der Schöpfung“. Unser Cerebrum sucht Logik, Gefahren, Zusammenhänge – und meint es gut mit uns. Nur: Die Welt ist oft unlogisch und die Gefahren sind überschaubar. Zusammenhänge basteln wir uns selbst, basierend auf Erfahrungen, die mit Realität oft wenig zu tun haben. Unser Hirn zeigt sich davon unbeeindruckt. Immerhin hat es Jahrtausende damit verbracht, unser Überleben zu sichern. Lieber einmal eine Gefahr überschätzen als tot sein. Mit diesem Hochleistungsprozessor müssen wir leben. Aber wir entscheiden, wie wir mit den Daten umgehen. Bei jedem sind andere Datensätze gespeichert – und doch laufen alle Festplatten nach demselben Prinzip: Gefahren suchen, um zu überleben. Soziale Integrität sichern, um dazuzugehören. Was für die einen existenzbedrohlich wirkt, ist für andere eine Randnotiz. Doch die Intensität, mit der unser Gehirn diese Informationen sendet, ist für alle gleich. Sie ist unsere Welt.

Das macht uns fertig

und trotzdem tun wir es ständig. Nicht, weil wir wollen, sondern weil unser Kopf seit ewigen Zeiten darauf programmiert ist. Wir vergleichen uns mit anderen. Früher war das auch sinnvoll. Wer schneller rennt, wer stärker ist, wer mehr Beeren findet oder Tiere tötet. Es war weniger Vergleich als vielmehr die Frage: „Kann ich etwas lernen, das mir beim Überleben hilft?“ Vergleich war lokal. Überschaubar. Eingebettet in eine Gemeinschaft. Unser Gehirn unterscheidet jedoch nicht zwischen der kleinen Gruppe am Lagerfeuer und den hunderten Menschen aus aller Welt, die uns heute täglich über Bildschirme & Handys beeinflussen. Noch vor dem ersten Kaffee vergleichen wir uns mit der ganzen Welt. Angefangen beim Spiegelbild, das uns morgens die ungeschminkte Wahrheit zeigt. Studien zeigen, dass dieser automatische Vergleich in Millisekunden abläuft – noch bevor wir merken, dass wir überhaupt schauen. Ich persönlich schaue schnell. Zack - und schon sehe ich. Und trotzdem vergleiche ich mich. Mit Batman zum Beispiel. Likes, Körper, Einkommen, Kreativität, Erfolg – Alles optimieren. Das Internet ist ein globales Schaufenster, das uns einflüstert, wir seien immer ein bisschen zu wenig. Mit Ausnahme von unserem Körper. Der ist oft ein bisschen zu viel. Zu wenig schön, klug, witzig oder erfolgreich. Zu wenig männlich oder weiblich. Dieses permanente „weg von dir, hin zu einem besseren Menschen“ lässt uns orientierungslos durchs Leben schweben. Oder stolpern. Künstlich erzeugten Idealen hinterherzujagen ist, als würde man ein Kleinkind ständig an den Armen nach oben ziehen, damit es schneller wächst. Ein Kind ist einfach da. Zufrieden mit sich und der Welt. Wobei – zufrieden? Es ist ja noch nicht optimiert. Total unfertig, diese Zwergenmenschen.! Peinlich. Sollten deine Wünsche Realität werden (ich wünsche es dir von Herzen), vergiss nicht: Der einzige Vergleich, der zählt, ist der mit dir selbst. Mit dem Menschen, der du gestern warst und dem, der du morgen sein willst. Das nächste Mal, wenn du morgens in den Spiegel schaust, sag ruhig laut: „Boah, bin ich geil. So sieht die Krone der Schöpfung aus! Ich verbleibe mit einem: Man, bin ich Mensch ;)

Gruß vom Vogel

Sich außerhalb der uns umgebenden Denkmuster und Verhaltensweisen zu bewegen, ist ein Drang, der wohl in jedem von uns schlummert. Ausbrechen aus dem engen Korsett des Alltags, die Seele durchlüften und die frische Brise der Freiheit genießen. Wir wollen oder sollen (wo liegt der Unterschied?) „funktionieren“ und stark, erfolgreich, klug, zielstrebig, sportlich, cool, ausgeglichen, witzig usw. sein. An dieser Stelle sei erwähnt, dass das Wollen oft nicht einem selbst entspringt, sondern man will, weil man wollen soll. Die Werbung und soziale Medien lassen grüßen. "Grüß Gott!" In der realen Welt sind viele von uns schon durch unvorhersehbare Veränderungen der täglichen Routine an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt. Nichts mit Coolness und Erhabenheit. So geschieht es, dass das Leben für manch Einen eher ein notwendiges Übel als ein Geschenk ist. Kompliziert und vielschichtig zum Quadrat! "Das Leben ist kein Ponyhof’!" Die haben das damals schon gewusst, diese Bayern. Oder waren es die Chinesen? Oberösterreicher? Wie auch immer. Um nicht unter die Räder zu kommen und sich in totaler Orientierungslosigkeit oder Apathie zu verlieren, ist es unverzichtbar, sich selbst seinen geistigen Freiraum zu lassen. Geistiger Freiraum, das ist der Raum, wo keiner hinkommt außer man selbst. Der Ort, an dem man immer zu Hause ist, ob man will oder nicht, Umzug ausgeschlossen. Die Welt, in der manchmal dichter Nebel herrscht oder man sich selbst die Sicht blockiert. Darum mein Tipp: reiß dich zusammen und gönne dir ab und zu Stunden der Sinnlosigkeit. Fröne dem Leichtsinn und entdecke die Leichtigkeit des Seins. Bungee jumping, Achterbahn fahren, frühmorgens nackt in einem See schwimmen, rein ins Auto und losfahren - ohne Ziel und ohne Plan, Purzelbäume in Serie hinlegen, auf einen Baum klettern und ein fröhliches Lied anstimmen, etc. Solange keiner zu Schaden kommt, ist alles erlaubt. Der Vogel breitet seine Flügel und erhebt sich über den Gedankennebel. Er wohnt in jedem von uns und wartet darauf, sich ausleben zu dürfen. Er passt auf uns auf, hilft uns den Überblick zu bewahren und unsere Perspektiven zu erweitern. Ich freue mich auf die nächste Kolumne und verbleibe mit einem: "Hoch lebe der Vogel!"

Digitale Pubertät 

Es gibt eine Phase im Leben eines Kindes, die Eltern fürchten wie den Elternsprechtag: die Pubertät. Früher rebellierten Teenager, indem sie Türen zuknallten. Oder mit “phösem” Blick, lauter Stimme und hochrotem Kopf versuchten die Eltern davon zu überzeugen, dass sie durchaus in der Lage sind, selbst zu bestimmen, wohin sie gehen,wie lange sie ausbleiben, was sie dabei anziehen und wie viel sie trinken dürfen. Da war richtig Action in der Hütte. Heute schalten sie die Familien-WhatsApp stumm. Lautlos. Wortlos. Spurlos. Oh mein Gott, welch Schmach für die “Erzeuger”! Die Kommunikation mit “Friends” läuft trotzdem - nur in einer Sprache, die Eltern manchmal äußerst befremdlich erscheint. Eine Mischung aus Emojis, Halbsätzen und Memes, die sich lesen wie eine Fehlermeldung „Bro, wild." „Hä?" „Lass." Gespräch beendet. Eltern versuchen tapfer, mitzuhalten. Sie googeln Begriffe, die sie nicht verstehen, klicken auf Links, die sie nicht hätten anklicken sollen, und fragen sich, warum ihnen TikTok plötzlich Videos über Quantenphysik zeigt. „Ich wollte doch nur schauen, was der Bub da anschaut." Wie ein schwarzes Loch saugt auch das Handy alles in sich rein. Das Smartphone ist in dieser Phase kein Gerät mehr. Es ist Tagebuch, Vertraute, Geheimnisträger und Fluchtweg in einem. Es weiß, wann der Teenager schläft oder wann er schlechte Laune hat. „Siri, wie schreibt man eine Entschuldigung für die Schule?" „Siri, warum ist Papa so peinlich?" Siri antwortet immer höflich. Irgendwann kommt der Tag, an dem das Kind in der Küche steht und fragt: „Mama, wie kocht man eigentlich Nudeln?" Und in diesem Moment merkst du, dass auch für Teenager irgendwann die Zeit kommt, in der sie wieder im “Real Life” ankommen. Sie waren nur kurz stummgeschaltet.

Wie geht’s?

Heute schon ein bisschen gelogen? Wenn nicht, dann wird's höchstwahrscheinlich noch. Jemand wirft dir ein freundliches „Na, wie geht’s?“ entgegen und bevor dein Gehirn überhaupt dein Seelenleben prüfen kann, schießt die Antwort aus dir heraus: „Gut, danke! "Und selbst?“ Die Frage „Wie geht’s?“ ist keine Einladung zur medizinischen oder psychologischen Bestandsaufnahme. Sie ist ein akustisches Signal, das sagt: „Ich habe dich gesehen und bin bereit, den sozialen Frieden zu wahren.” Wenn du auf diese Frage mit „Ich habe Zahnschmerzen und fühle mich wie ausgekotzt.“ antwortest, erntest du vom Gegenüber meistens kein echtes Mitleid. Er denkt wahrscheinlich: “Oh mein Gott, warum kann ich nicht einfach meine Klappe halten?” Der Fragende sucht verzweifelt nach dem Notausgang und bereut seine höfliche Frage. Sofort. Wir haben uns darauf geeinigt, dass „gut“ die Standardantwort für absolut alles ist. Es ist das Gleitmittel unserer Gesellschaft. „Gut“ bedeutet: Ich funktioniere. Ich belaste dich nicht. Und dann gibt es noch die Steigerungsform von „gut“: „Muss ja.“ Oder der verbale Handschlag der Erschöpften: „Man lebt.“ Was würde eigentlich passieren, wenn du statt des reflexartigen „Gut“ einfach mal sagst: „Ich bin ein bisschen neben der Spur, habe die Scheidung hinter mir, mein Haus verloren und ein Loch im Socken, aber ich freue mich trotzdem, dass ich lebe.“ Vielleicht entsteht echte Verbindung. Probier’s heute einmal aus: Sei ehrlich. Oder stell die Frage „Wie geht’s?“ nur dann, wenn du auch die Zeit und das Interesse für die echte Antwort hast.

Wenn's pressiert

Es ist wie ein Naturgesetz: Wenn man Zeit hat, kann man sich auf die Öffis verlassen. Wenn man es eilig hat – Fehlanzeige. „Ist ja klar", sagt man, und meint damit nicht die Öffis, sondern das Leben selbst. Dieses „Ja klar“ ist ein psychologischer Reflex. Wir merken uns die Momente, in denen etwas nicht funktioniert, viel stärker als die, in denen alles glattläuft. Eine rote Ampel bleibt im Gedächtnis, selbst wenn sie vorher immer grün war. Das WLAN fällt genau dann aus, wenn man eine wichtige Mail abschicken will. Der Drucker streikt ausschließlich bei Deadline. Gefühlt: eindeutig ein Komplott. Manchmal (um der Wahrheit genüge zu tun – des Öfteren) haben Züge einfach Verspätung. Unser Gefühl aber sortiert die Welt nach Bedeutung, nicht nach Statistik. Und Eile ist Bedeutung pur. Somit haftet sich die Situation in die Gewinde unseres Celebrums. Wir sind Meister darin, Muster zu sehen, wo keine sind. Vermutlich, weil wir Ordnung und Struktur brauchen. Manchmal ist es echt fies, wie diese Welt unsere Pläne ignoriert. Der Zug, die Ampel, der Drucker: Alle gegen uns. Alle mit Timing. Und dann steht man da. Leicht genervt. Leicht lächerlich. Aber auch irgendwie lebendig. Denn genau in diesem „Ist ja klar“ steckt auch ein stilles Einverständnis mit dem Chaos. Ein kurzes Schulterzucken, das sagt: Es ist, wie es ist. Das Schulterzucken mit einem Lächeln über seine eigene Reaktion – herrlich (wenn ich gendern müsste, wäre „dämlich“ korrekt?) menschlich Der Zug kommt. Nur eben nicht unbedingt dann, wenn wir ihn brauchen.

© 2035 Daniel Lunsford. Erstellt mit Wix.com

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